Hexenprozesse in Kurmainz

Das „Zeitalter der Konfessionalisierung“

0.1.Ausschluss und Krieg

Die Epoche ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wird in Deutschland als „Zeitalter Konfessionalisierung“ bezeichnet, im europäischen Ausland hingegen findet sich meist noch der Begriff „Gegenreformation“.

In dieser Zeit bemühten sich alle christlichen Konfessionen, also Katholiken, Lutheraner und Reformierte vornehmlich um kirchliche Organisation, Gottesdienstformen, obrigkeitliche Kontrolle. Es sollte die Verfestigung und Kodifikation der Kirchenlehre und damit stets die Ausgrenzung von Irrtum, von teuflischer Verblendung und Ketzerei erreicht werden. Es wurde versucht, überall möglichst einheitliche Verhältnisse für die Untertanen zu schaffen. Es begann eine „Verrechtlichung“ der Beziehungen Fürst-Untertanen. Auf der anderen Seite wurde die Verwaltung professionalisiert, viele Bereiche, so gerade auch die Finanzen zentralisiert, letztlich stets mit dem Ziel, die Leistungskraft des Territoriums, besonders in militärischer Hinsicht, zu stärken.

Diese Entwicklungen werden gerade an zwei Bilder recht deutlich. Der Nürnberger Maler Andreas Herrneisen fertigte 1601/02 ein Bild an, "darauf die Stende gemalet, die sich erstlich zu der Evangelischen Lehr, als Lutherus aufgestanden, sich bekannt haben. Bei dem sogennanten Kasendorfer Konfessionsbild handelt es sich um ein Stifterbild. Der Ratsherr Hübner ließ sich beim Abendmahl abbilden, welches er und seine Familie von Martin Luther und Philipp Melanchthon erhalten. Auf dem unteren Rahmenrand des Bildes findet sich der Hinweis: „Historia der Augspurgischen Confession mit Verzeichnus der Fürsten unnd Herrn, so sich darzu bekend haben. Anno 1530.“ Das Bild stellt die Sakramente und gottesdienstlichen Handlungen der lutherischen Kirche dar. In dem Bild wird andererseits jedoch das Ausschließen von Andersgläubigen deutlich: Zwinglianer werden mit Hunden und Hellebarden aus der Kirche gedrängt und der Teufel nennt in einem aufgeschlagenen Buch die Namen der "Ketzer": „Der Fürnehmbsten Schwermer und Ketzer Namen, so sich allezeit wider diß Allerheiligste Sacrament des leibs und Bluts Christi gelegt darwider gelert und geschriben haben: D. Andreas Carlstadt. Ulrich Zwingel ... Johann Calvinus ... Thomas Müntzer. Widertäuffer. Bapst Und Ihr Vatter der Teuffel.“ Die Ablehnung der Lutheraner umfasst in deutlicher Schärfe Katholiken gleichermaßen wie Reformierte oder Täufer. Wahrheit wird exklusiv für die eigene Konfession in Anspruch genommen.

Der Bethlehemitische Kindermord[Bild: Public Domain]

Der andere entscheidende Aspekt des konfessionellen Zeitalters wird in einem Bild von Pieter Brueghel d. Ä.: „Der Betlehemitische Kindermord (1564-1567) deutlich. Darstellt wird, wie ein Dorf umstellt und kein Entrinnen mehr möglich ist. Der Feind, gepanzerte Reiter stehen um das Dorf, einige sind vom Pferd abgestiegen. Einer erleichtert sich an der Scheunenwand, die Mehrheit aber beteiligt sich daran, den Fußknechten beim Töten der Kinder zu helfen. Diese liegen auf dem Dorfplatz, wurden überall gesucht, um dann gleich getötet zu werden.

Dieses Bild zeigt nur vordergründig eine biblische Geschichte, tatsächlich wird vielmehr die alltäglich Gewalt des Krieges darstellt. Es ordnet sich damit in die „Friedlosigkeit der Frühen Neuzeit“, wie es von Johannes Burckhardt bezeichnet wurde, ein. Massaker und Krieg sind Teile des außergewöhnlich „Normalen“, welche den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Konfessionsbildung begleiten.

Allerdings stellt das Zeitalter der Konfessionalisierung nicht die „Entstehung des modernen Staates“ dar. Der Fürst musste mit wichtigen Gruppen Ergebnisse aushandeln, er bedurfte der Zustimmung. Hinzu kam, dass sich immer wieder Widerstand entwickelte. Steuerverweigerungen und Kontrollverluste der Obrigkeit waren an der Tagesordnung. Hinzu kam, dass durch Krieg, Krankheit oder unvorhergesehene Ereignisse wie der plötzliche Tod eines Fürsten oder Naturkatastrophen der Alltag zusätzlich vielfach völlig unvorhersehbar wurde.

0.2.Die mediale Revolution

Die obrigkeitlichen Maßnahmen wurden von einer Medienrevolution begleitet. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern war die Grundlage für die mediale Kommunikation der Frühen Neuzeit. Durch das enorme Medieninteresse des 16. Jahrhunderts mit der Reformation wurde diesem Medium eine solche Bedeutung zugewiesen, dass sein langfristiges Überleben möglich war. Medien wurden schnelllebiger. Dies gilt besonders für den ganzen Bereich der Berichterstattung über das eigene Land, über Europa und die außereuropäische Welt. Durch die Globalisierung der Kommunikation mit der europäischen Expansion entstand zudem eine neue Raumproportionierung. Andererseits kam es zu einem ständigen und verstärkten Austausch verschiedener Teile Deutschlands und Europas durch die physische Infrastrukturierung. Kanäle und Straßen wuchsen, monetäre Transfersysteme, die überhaupt erst die Möglichkeit der Überseeexpansion schufen, nahmen an Bedeutung zu. 

Die Orte der Kommunikation konnten vielfältig sein. Es waren zunächst v.a. jene öffentlichen Räume in den Städten, die einen Austausch der Bewohner ermöglichten, so die öffentlichen Plätze, der Platz vor dem Rathaus oder der Stadtpfarrkirche bzw. Kathedrale. Hinzu traten für die Verbreitung von Nachrichten und Ideen Prediger, Marktschreier und Bänkelsänger. Diese vermochten als reisendes Volk Informationen auch auf dem Land zu kommunizieren, hier dann eben gerade auch an Orten wie Märkten, Gasthäusern, Tavernen oder Brunnen.

Für die Möglichkeiten der Kommunikation war die Standes- und Geschlechterzugehörigkeit entscheidend, da es gewisse Codizes gab, in denen sich Frau oder Mann bewegen durften und die auch bei der Kommunikation durchaus exklusiven Charakter haben konnte.

Dabei ist aber nicht nur das Medium, sondern es sind auch die verschiedenen Distributionsformen zu bedenken, besonders da weniger als 10% der Bevölkerung lesen konnte. Zudem ist zu berücksichtigen, dass oft Bild und Text zusammen wirkten, damit die Erfassung der zentralen Botschaften auch ohne die Kenntnis des Textes möglich war. Ebenso wichtig waren schließlich Lieder und zwar solche, die unmittelbar, wie Kirchenlieder, auswendig gelernt wurden oder politische Lieder, die aufgrund ihrer Wertungen prägend sein konnten. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden bereits an die 40.000 Titel in einer Gesamtauflage von geschätzten 8 Millionen Exemplaren gedruckt, was in Relation zur Gesamtbevölkerung dieser Zeit, eine erhebliche Größe war.

In diese Welt der Umbrüche gelangten zudem neue Ideen, neue Baustile sowie neue Musikformen mit Mehrchörigkeit und neuen Formen der Instrumentierung, bis hin schließlich zu neuen Universitätsgründungen.

0.3.Klima, Wirtschaft und Bevölkerungsentwicklung

Das Klima im 16. Jahrhundert änderte sich, es wurde kälter. Die Durchschnittstemperatur sank um 1-2 °C, die Winter wurden länger und lange niederschlagsreiche Sommer schlossen sich an. Extreme Anomalien sind für die Jahre 1585-1597 und 1618-1630 und erneut 1675-1715 zu beobachten, also in Jahren wichtiger kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa. Die Konsequenzen der Klimaveränderung waren allenthalben zu spüren: Vegetationsgrenzen zogen sich zurück, die Gletscher aber breiteten sich aus. Schlimmer war aber die Zunahme von Stürmen und Überschwemmungen. Die Bilder der niederländischen Künstler, die Schlittschuhläufer zeigen, wirken auf uns romantisch, stellen aber die Veränderung des Klimas dar.

Das große Bevölkerungswachstum führte im 16. Jahrhundert zu einer steigenden Nachfrage nach Produkten. Dies hatte zum einen eine höhere Produktion, aber was fast noch wichtiger ist, einen höheren Austausch von Waren und Geld, aber auch gerade von Luxusgütern zur Folge. Handel mit dem Orient, mit dem neu „entdeckten“ Amerika, wurden dabei ebenso wichtig, wie der Kunsthandel z.B. von Italien nach Flandern oder umgekehrt. Marktbeziehungen führten nicht nur zu einem Austausch mit Europa, sondern auch mit Außereuropa.

Das 16. Jahrhundert war eine Zeit des Bevölkerungswachstums in Europa, gleichzeitig des enormen Bevölkerungsschwundes in Amerika. Insgesamt stieg die Bevölkerung in Europa zwischen 1500 und 1600 um 22 % um 13 Millionen, zwischen 1600 und 1700 allerdings nur um 2 Millionen, also 3 %.

Auf dem Land lebten in der Mehrheit Dorfbewohner, die, wenn überhaupt-, nur über ein kleines Haus und ein ebenso kleines Stück Land verfügten und nur aufgrund von Gewohnheitsrecht auch den gemeindlichen Grund der Allmende nutzten durften. Es ist daher wichtig zu betonen, dass die meisten dieser Landbewohner noch anderen Tätigkeiten zum Erwerb ihres Brotes nachgehen mussten. Die üblichen regionalen Bezeichnungen machen die geringe Besitzstruktur schon schnell und eindringlich deutlich: Häusler, Bündner (von Bude), Inwoner (da oft in gemieteter Wohnung lebend), Taglöhner, Heuerling (aufgrund eines Heuervertrages) etc.

Die überwiegende Zahl dieser Leute musste entweder bei reicheren Bauern oder bei Adeligen oder auf Staatsdomänen als Taglöhner noch Geld verdienen. Viele taten dies aber auch in Wanderarbeit, besonders wenn sie aus agrarisch schwachen und armen Zonen stammten, wie z.B. dem Hunsrück oder der Eifel. Eine andere Möglichkeit war das Handwerk, in den meisten Fällen Kleinhandwerk.

Die Situation der Menschen war besonders schwierig, weil die Entwicklung der Löhne nicht mit der Preisentwicklung standhielt. Dies bedeutete, dass die Bevölkerung schnell in eine Hungersnot abrutschen konnte, da sich eben schon die normale alltäglich Situation als schwierig in versorgungstechnischer Hinsicht darstellte. Andererseits musste eben neben dem Haupteinkommen stets auch eine Eigenversorgung, so durch kleine Gärten betrieben werden, um die problematischen Phasen teilweise ausgleichen zu können.

Dies bedeutete aber auch, dass wir von einem späten Heiratsalter ausgehen können. In Trier lag das Heiratsalter bei Frauen bei 25,5, bei Männern bei 27,5 Jahren. Andererseits führten die furchtbaren Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen Krieges zu einer Neustrukturierung der jeweiligen lokalen Besitzverhältnisse. Die Bevölkerungsentwicklung brachte eine steigende Nachfrage nach nutzbarer Fläche mit sich, was wiederum dazu führte, die Nutzfläche auszubreiten. Geringe Verbesserungen des Ackergerätes, so die Ablösung des Hackenpflugs durch den Streichbrettpflug oder die langstielige Sense führten lediglich zu einer geringen Zunahme der Produktivität.

Alle wirtschaftlichen Entwicklungen sind nämlich vor der Folie einer steigenden Bevölkerung zu sehen. In der Mitte des 15. Jahrhunderts setzt ein starkes Bevölkerungswachstum ein, welches mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland einen starken Einbruch erlebte, sich aber nicht in allen europäischen Ländern als Zäsur darstellt. Der Bevölkerungsanstieg hatte in einer Zeit, in der die Ernährung für den größten Teil der Einwohner Europas noch sehr einseitig war, besonders auf die Preisentwicklung von Roggen eine nachhaltige Auswirkung. In der Landwirtschaft dominierte der Getreideanbau, im Norden Roggen, im Süden v.a. Weizen und der Anbau von lagerungsfähigen Hülsenfrüchten.

Diese soziale Situation kontrastierte mit der Preisentwicklung. Das 16. Jahrhundert ist nämlich das Jahrhundert der Preisrevolutionen. Während die Reallöhne der Arbeiter verfielen, stiegen die Einnahmen der Agrarproduzenten, aber nur derjenigen, die tatsächlich weit über den eigenen Bedarf hinaus produzierten.  Dieser Preisanstieg dauerte bis in den Dreißigjährigen Krieg und erlebte sein Ende erst kurz vor Ende des 17. Jahrhunderts. Doch regten die hohen Preise die Landwirtschaft nicht dazu an, dass ein Überangebot entstanden wäre, sondern vielmehr blieben viele Felder unbebaut, während in den Städten das letzte Geld zum Erwerb von Lebensmitteln aufgebraucht werden musste. Gerade in den Städten darf ebenfalls der Anteil der Unterschicht nicht unterschätzt werden, der bei ca. 20-25 % in Friedenszeiten lag, in Kriegszeiten erheblich darüber. Städtische Unterschichten sahen sich aber i.d.R. mehr noch als die Landbevölkerung in Subsistenzkrisen ausgesetzt, waren sie doch kaum imstande, auf eigene Agrarprodukte zurückgreifen zu können. Die meisten Armen in der Stadt waren auch vom Land in der Hoffnung auf Arbeit gekommen, konnten dort aber keine Bürgerrecht erwerben und hatten damit auch kein Anrecht auf die städtische Unterstützung. Aber auch bei den Handwerkern konnte die Situation schnell prekär werden. Wir verfügen über keine genauen Zahlen für das 16. Jahrhundert, doch befanden sich am Ende des 16. Jahrhunderts ein Sechstel aller Handwerker und Krämer in Koblenz und Mainz unter der Armutsschwelle. Neben den Meistern gab es zudem ein Heer von Gesellen, die auf Arbeitssuche und wichtiger noch, auf der Suche auf einen frei werdenden Meisterplatz (vielfach nur durch Heirat mit einer Meisterswitwe) hofften. Sie schlossen sich in Bruder- oder Gesellschaften zusammen und versuchten damit besonders ihre religiösen, aber auch wirtschaftliche und rechtliche Belange durchzusetzen. Doch vielfach gelang der Einstieg in die Zunft nicht, sondern es kam nur der Abstieg in die Armut oder sehr häufig auch, der Wechsel ins Militär. Unverzichtbar für die städtische Gesellschaft waren zudem die vielen „kleinen“ Dienste, so Fuhrleute, Karrenschieber, Sack- und Kohlenträger, Boten, Wächter etc.

Für Alle war Hunger omnipräsent. Infolge von Missernten und Teuerung konnte es schnell für große Teile der Bevölkerung in Europa zu Mangelernährung kommen. Schon bei einem normalen Preiszustand wurde für eher mäßige Nahrung 65-70 % des Einkommens für Nahrung verwandt. Hinzu kamen unerklärliche Plagen, die zu einem Boom religiöser Kunst führten. Viele kleine Gemeinden setzten, trotz der durch die Bevölkerungsverluste problematischen Lage, jetzt auch Stiftung von Altären, besonders aber Ankauf von Reliquien, um den Ort mit vielen Heiligen schützen zu können. Pestwellen suchten Europa 1547/48, 1563, 1565, 1575 und dann während des Dreißigtägigen Krieges in den dreißiger Jahren heim.

0.4.Nachweise

Verfasser: Ludolf Pelizaeus