Hexenprozesse in Kurmainz

Der Dokumentarfilm und seine Umsetzung

Gattungen des Dokumentarfilms

Der Begriff Dokumentarfilm bzw. documentary wurde erstmals 1926 von John Grierson verwendet und beschreibt die Gattung als „den kreativen Umgang mit der aktuellen Wirklichkeit“[Anm. 1]. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff immer mehr erweitert und es entstand auch die historische Dokumentation.

Der historische Dokumentarfilm wird heute in drei Gattungen untergliedert:

  1. Die klassische Dokumentation: Diese arbeitet mit Interviews, Expertengesprächen und Archivmaterial.
  2. Das Doku- Drama (so z.B. „Hexen: Magie, Mythen, Wahrheit“ ): Es handelt sich hierbei um eine Mischform, das heißt, die klassische Dokumentation wird durch Spielszenen angereichert.
  3. Der historische Spielfilm.

Im folgenden werden ausgewählte Dokumentarfilme oder Dokudramen besproche:

Hexen – Magie, Mythen und die Wahrheit

Analyse:

Das dreiteilige Dokudrama  Hexen – Magie, Mythen und die Wahrheit bietet Einblick in die in die historischen und mythischen Dimensionen des Hexenglaubens. In der spektakulären... [Mehr]


Der Hexenprozess der Keplermutter (1990)

Analyse:

„Macht mit mir, was ihr wollt, und wenn ihr mir auch jede Ader aus dem Leibe herausziehen würdet, so weiß ich doch nichts zu bekennen...Gott wird nach meinem Tode offenbaren... [Mehr]


Bestandteile eines Doku- Dramas

Als die drei Säulen einer Dokumentation gelten Interviews, Archivmaterialien und Neudrehs. Diese Gattungen können darüber hinaus noch in weitere Bestandteile unterteilt werden:

Sprecher:
Der Sprecher führt den Zuschauer außerhalb der Spielszenen durch die Dokumentation.

Expertengespräch:
Experten aus den jeweiligen Fachgebieten berichten über neueste Forschungsstände und ihre eigenen Erfahrungen mit der Thematik. Meist dient ihre gewohnte Arbeitsumgebung als Kulisse (Bibliothek, Archive, Ausgrabungsstätten etc.). Häufig werden im Rahmen einer Dokumentation Forscher aus verschiedenen Genres befragt (Genrekombination).

Archivalien:
Archivalien (z.B. Schriften oder Gemälde) dienen uns als entscheidende Quelle für die jeweilige Zeit und veranschaulichen dem Zuschauer die Lebenswelt des dokumentierten Zeitraumes.

Zeitzeugen:
Dokumentationen, die sich mit Zeitgeschichte beschäftigen, greifen in der Regel auf Zeitzeugen zurück. Diese haben das dokumentierte Geschehen miterlebt und sind in der Lage, detailliert von ihren Erfahrungen und der damaligen Atmosphäre zu berichten. Häufig wirken diese Interviews sehr emotional und mitfühlend auf den Zuschauer. Problematisch ist jedoch bei solchen Interviews, dass die Angaben häufig sehr ungenau und subjektiv sind.

Karten:
In den vergangenen Jahren wurde es üblich sehr aufwendige computeranimierte Karten zur Veranschaulichung von lokaler und zeitlicher Ausbreitung eines Phänomens (z.B. Ausdehnung und zeitlicher Ablauf der Hexenverfolgungen) in die Dokumentation aufzunehmen.

Originalschauplätze:
Neudrehs an Originalschauplätzen sollen dem Zuschauer ein genaueres Bild von der Umgebung geben, in welcher sich die dokumentierte Thematik abspielte. Der Rezipient ist so in der Lage, sich leichter mit dem Geschehen zu identifizieren und das Gesehene länger im Gedächtnis zu behalten.

Assoziative Neudrehs:
Assoziative Neudrehs verfolgen ein ähnliches Ziel wie Neudrehs an Originalschauplätzen. Der Zuschauer soll sich, z.B. durch Landschaftsbilder oder Lichtverhältnisse, mit dem Dokumentierten identifizieren, sich von der Thematik emotional erfassen lassen. Auf diese Art und Weise soll das Interesse eines breiten Publikums, während des gesamten Verlaufs einer Dokumentation, sichergestellt werden.

Spielszenen:
Das Doku- Drama wird durch Schauspieler, die das Geschehene darstellen, angereichert. Dadurch fällt es dem Zuschauer leichter z.B. historische Ereignisse nachzuvollziehen, denn eine szenische Darstellung ist für ein breites Publikum wesentlich interessanter als eine ausschließlich wissenschaftliche Erläuterung. Dialoge und Kostüme der Schauspieler sollen dabei möglichst authentisch sein, sie richten sich meist an den Quellen der jeweiligen Zeit aus. Die Mehrzahl der Doku- Dramen arbeitet mit einer Leitstory, das heißt, die Thematik wird in eine Geschichte eingebettet, die sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation ziehen und das Interesse des Zuschauers sicherstellen soll, jede Szene soll die erzählte Geschichte weiterbringen.

Anspruch an ein Doku- Drama

Dadurch, dass die Sendeanstalten großen Druck bezüglich der Quote (bei ZDF- Produktionen sollten zur Hauptsendezeit mindestens vier Millionen Zuschauer einschalten[Anm. 2]) auf die Macher einer Dokumentation ausüben, ist es notwendig einen Kompromiss zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Vermittlung des Themas für ein breites Publikum zu finden.

In den 70er und 80er Jahren wiesen Dokumentationen kaum Musik oder längere Spielszenen auf. Erst ab Mitte der 90er Jahre kommt diesen Darstellungsmitteln immer größere Bedeutung zu.

Eine vereinfachte Darstellung und aufwendige Neudrehs wurden nötig, um das Interesse eines breiten Zielpublikums zu wecken und dieses auch während der Dokumentation bestehen zu lassen. Vor allem die ersten Minuten des Films entscheiden heute darüber, ob ein Zuschauer sich für dieses Programm entscheiden oder umschalten wird. Geschichte soll durch Effekte wie komponierte Musik, Bilder und Geräusche sinnlich erfahren werden und fesselnd auf den Zuschauer wirken, die Produktion muss unverwechselbar sein, einzelne Szenen sollen sich in das Gedächtnis des Rezipienten einbrennen (z.B. angeklagte Hexen auf dem lodernden Scheiterhaufen).

Daneben sollte die wissenschaftliche Perspektive allerdings nicht vergessen werden und allzu sehr in den Hintergrund geraten. Kompetente Fachberater werden aus diesem Grund zur Kontrolle der Scripte und zum eventuellen Einbezug neuer Forschungsergebnisse hinzugezogen.

Doch auch trotz Einbezug kompetenter Berater, Archivalien und möglichst authentischer Darstellung werden fast alle historischen Dokumentationen mit der Kritik, vor allem von wissenschaftlicher Seite, konfrontiert, dass visuelle Eindrücke über historische Fakten dominierten. Diese Einwände sind auch durchaus nicht von der Hand zu weisen, lassen sich jedoch unter den oben erläuterten Umständen nicht vermeiden. Der Sinn eines Doku- Dramas ist nicht lediglich das Fachpublikum zu erreichen, sondern eine breite Masse der Bevölkerung für das Thema Geschichte zu begeistern.

Abbildungsnachweise

Teaserbild Hexen – Magie, Mythen und die Wahrheit:

Teaserbild Der Hexenprozess der Kepplermutter:

Anmerkungen:

  1. Koebner, Thomas (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films, Stuttgart 2002, S.124: „the creative treatment of actuality“. Zurück
  2. Tewes, Annette: „Geschichte und ihre Umsetzung im Film“. Vortrag vom 1. Juni 2006 im Historischen Seminar der Universität Mainz. Zurück